Wissenskreis: Evolution der Sprache hin zum Bairischen

Zeitliche Entwicklung

 

Die Indogermanischen Sprachen

5./4. Jt. v. Chr.

Karten:
[REN]
[DTV S. 40]
Die indogermanische (oder indoeuropäische) Sprachfamilie ist mit 900 Millionen Sprechern (1989) eine der größten. Zu ihr rechnet man u. a. folgende Sprachgruppen:
  • Indo-Iranisch (Indisch, Iranisch)
  • Tocharisch
  • Anatolisch (mit Hethitisch, Luwisch u.a.)
  • Keltisch
  • Albanisch
  • Armenisch
  • Griechisch
  • Baltisch, Slavisch
  • Italisch (z. B. Latein und die heutigen Romanischen Sprachen)
  • Germanisch
  • sog. Trümmersprachen (mit nur wenigen Schriftzeugnissen) wie Thrakisch, Phrygisch, Burgundisch u.v.a.

Man nimmt an, daß eine indogermanische Ursprache im 5./4.Jt. v. Chr. entstanden ist. Das Ursprungsgebiet ist nicht zweifelsfrei geklärt. Frühe Theorien gehen von einem Kernlad in Zentral- oder Nordeuropa aus, andere von Südrussland oder Asien.
Beim Stammbaummodell (Schleicher, 1863) geht man von einer einheitlichen Ursprache aus, die sich in die heutigen Sprachen aufgliedert.

 

Erste Lautverschiebung

400-250 v. Chr. Durch die erste oder germanische Lautverschiebung sonderte sich das Germanische von den anderen indogermanischen Sprachen ab. Dieser Vorgang dürfte ca. 400-250 v. Chr. abgeschlossen gewesen sein.
Einige wichtige Verschiebungen sind:
p > f    griech. poly     dt.   viel (z. B. Polyglott)

t > þ    lat.    pater    engl. father

k > ch   lat.    cornu    dt.   Horn



b > p

d > t

g > k

 

Althochdeutsch

750 - 1050

Der Begriff "deutsch" taucht zum ersten Mal in Form des lateinischen "theodiscus" auf und ist seit Ende des 8. Jhdts. belegt. Er bezeichnet ursprünglich die Sprache des Volkes im Gegensatz zum Latein als Gelehrtensprache. Ende des 9. Jhdts. wird der Begriff durch "teutonicus" verdrängt, im Französischen durch "alemant".

Althochdeutsch wird jene Schreibsprache genannt, die zwischen dem 8. und dem 11 Jh. in der Überlieferung auftaucht und bereits gewisse Element der 2. Lautverschiebung erkennen läßt.

 

Zweite Lautverschiebung

Beginn im 7. Jh.

In der zweiten (hochdeutschen) Lautverschiebung setzt sich das Hochdeutsche vom Niederdeutschen und den anderen germanischen Sprachen (z. B. dem Englischen) ab. Die Verbreitung scheint vom Süden ausgegangen zu sein.

Im Anlaut und bei Verdopplung
t > tz       engl. town    dt. Zaun

p > pf       engl. pound   dt. Pfund

             engl. apple   dt. Apfel

k > ch, kch  engl. cook    dt. kochen

Verdoppelung im Wortinnereren
p > ff       engl. ship    dt. Schiff

t > zz       engl. let     dt. lassen

k > ch, h    engl. make    dt. machen



þ > d        engl. brother dt. Bruder

Einen guten Vergleich zwischen dem Niederdeutschen und dem Hochdeutschen bilden zwei Rechtsbücher aus dem 13. Jh. [WED S. 18]
"Sachsenspiegel" des Eike von Regpow
(1220 - 1235)

De man is ok vormunde sines wives,
to hant alse se eme getruwet is.
Dat wif is ok des mannes notinne
to hant alse se in sin bedde trit,
na des mannes dode is se ledich van des mannes rechte.
"Deutschenspiegel"
(um 1274)

Der man ist auch vormunt sînes wîbes
zehant als si im getriuwet ist.
Daz wîp ist auch des mannes genozinne
zehant als si an sîn bette trit nach des mannes rehte.


 

Mittelhochdeutsch

1050 - 1350

Man unterscheidet im Mittelhochdeutschen drei Zeitabschnitte, wobei das klassische Mittelhochdeutsch (1170 - 1250) mit seiner höfischen Dichtung am bekanntesten sein dürfte. Das Mittelhochdeutsche bezeichnet im Wesentlichen eine Litertursprache und Sprache der Oberschicht.

Beispiel Nibelungenlied (ca. 1200), [NIB S. 6]:
Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ír nu wunder hoeren sagen.

Im Vergleich dazu ein mittelenglisches Beispiel, Sir Gawain and the Green Knight (vor 1400), [TOL S. 2]:
Þis kyng lay at Camylot vpon Krytmasse
With mony luflych lorde, ledez of þe best,
Rekenly of þe Rounde Table alle þo rich breþer
With rych reuel oryzt and rechles merþes.

 

Diphtongierung/Monophtongierung

ab 12. Jh. Bei der Diphtongierung werden lange Einzelvokale zu Doppellauten. Hierdurch grenzte sich das Mittelhochdeutsche vom Neuhochdeutschen ab. Der Vorgang ging vom Bayerischen Raum aus und verbreitete sich bis zum 16. Jh bis ins Mitteldeutsche.
î  > ei

iu > eu

û  > au



mhd. mîn niuwez hûs  nhd. mein neues Haus

Bei der Monophtongierung handelt es sich um den umgekehrten Vorgang, hier werden Doppellaute zu langen Einzelvokalen. Die Ausbreitung geschah vom norwestlichen Mitteldeutschland aus und ist bis heute noch nicht ins Bairische vorgedrungen.
ie > i

uo > u

Üe > Ü



mhd. liebe guote brÜeder nhd. liebe gute BrÜder

 

Frühneuhochdeutsch

1350 - 1650 Martin Luthers Wirken (Bibelübersetzung 1522) liegt mitten in einer Zeit des sprachlichen Umbruchs, aus dem später das jetzige Neuhochdeutsch hervorgeht. Er verwendet zum Teil auch noch verschiedene Schreibweisen wie z. B. bei hilfe/hülfe.
 

Neuhochdeutsch

ab 17. Jh. Ab dem 17. Jh. vereinheitlichen sich die unterschiedlichen Sprechweisen, allerdings ist bis ins 19. Jh. keine anerkannte Norm der Rechtschreibung vorhanden. Gegen Ende des 18. Jh. setzt sich die in Ostmitteldeutschland gesprochene Sprache durch, da diese Gegend im kulturellen Bereich zunehmend an Bedeutung gewinnt. So wird Leipzig etwa zu dieser Zeit zum Zentrum des Buchhandels. Es gibt immer wieder Normierungsbestrebungen, die vor allem für die Schriftsprache gelten. Im Laufe des 17. Jhs. entwickeln sich die ersten Sprachgesellschaften, 1880 erscheint Konrad Dudens Wörterbuch.

Regionale Unterschiede

 

Niederdeutsch/Plattdeutsch

Karten:
[SAN S. 241]
Das Plattdeutsche hat die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht. Die niederdeutsch/hochdeutsche Mundartgrenze liegt auf der sog. maken/machen-Isoglosse, die bei Düsseldorf denRhein schneidet.
 

Mitteldeutsch

Karten:
[DTV S. 120]
Der Mitteldeutsche Sprachraum ist etwas kleiner als das gleichnamige geographische Gebiet. Er erstreckt sich auf der Breite von Straßburg bis Köln nach Osten. Das Zentrum bildet die Gegend um Erfurt und Leipzig.
 

Oberdeutsch/Bairisch

Karten:
[ZEH S. 17]

Bairisch als Sprachbezeichnung bezeichnet den oberdeutschen Dialekt, der in Ober- und Niederbayern, der Oberpfalz, in österreich (Ausnahme Vorarlberg) und Südtirol heimisch ist. Im heutigen Bayern gibt es daneben noch das Schwäbische, das Ostfränkische, das Rheinfränkische und das Thüringische.
Bairisch war einer der Hauptdialekte im späten 8. Jh.
Bei den sprachlichen Merkmalen fällt auf, daß die zweite Lautverschiebung im Bairischen besonders konsequent vollzogen worden ist.

Ausgewählte Merkmale des Bairischen (wenn nicht selbst erfunden, dann aus [ZEH])

Diphtonge (S. 78f)
Neben dem oa im berüchtigten Oachkatzlschoaf oder Loawedoag gibt es eine Vielzahl von Zwielauten im Bairischen, zwischen Regen und Cham sind es 21 (bei Sonnenschein auch).

Konsonantenschwächung (S. 83f)
Im Bairischen gibt es keinen Unterschied mehr zwischen p und b, t und d oder k und g. Beispiele dafür sind Blastig, Bedrolium, kabudd.

Betonung (S. 91f)
Der Baier betont anders: das Tun'ell, die Z'igarrn, der B'ädasui.

Das Perfekt (S. 98ff)
Das Bairische kennt kein Präteritum, stattdessen wird das Perfekt verwendet. Es heißt also z. B. mia san zsammgsessn.

Der Dativ (S. 106f)
Im Bairischen gibt es keinen eigenständigen Genitiv. Stattdessen wird der Dativ oder eine Umschreibung mit "von" benutzt:
Des is meim Vadda sei Haus oder Zwengs dene boa Notschal steh i net auf

Mehrfache Verneinung (S. 149)
Im Bairischen heben sich doppelte Verneinungen nicht auf, sie verstärken sich eher noch gegenseitig.
Bai uns hod no nia koana koan Hunga ned lain miassn bedeutet also, daß es wirklich immer genug zu essen gegeben hat.

Grüßen auf bairisch (S. 191ff)
"Bayern gehört zum süddeutschen 'Grüß-Gott'-Gebiet, dem ein äußerst umfängliches norwestliches 'Guten-Tag'-Gebiet gegenübersteht. In Bayern ist das Grüßen mit Guten Tag als äußerste, ja bereits untragbare Anpassung an eine nördliche Hochsprache zu verstehen.
[...]
Die Grußformel Hawedehre [...] gilt in Oberbayern heute als veraltet. In anderen Teilen Altbaierns wird sie aber - vornehmlich unter älteren Leuten (Rentner, Stammtisch), von den jüngeren immer mit einem Schuß Ironie - durchaus noch gebraucht, allerdings ausschließlich von Männern."

Mundfaulheit (S. 195f)
"Man kann schlicht 'Mundfaulheit' nennen, was die Fachsprache als 'mangelnde Kooperativität im Dialog' bezeichnet; wenn nämlich jemand auf seinen Gesprächspartner nicht in der Weise eingeht, die man von ihm erwartet, damit das Gespräch in Fluß bleibt.
[...]
In diesen Kontext gehört es auch, daß es in Bayern möglich ist, ein Ansinnen mit der Begründung 'I mag halt net' abzulehnen, ohne zu einer weiteren Begründung verpflichtet zu sein."

Literatur

[DTV] Werner König:
dtv-Atlas zur deutschen Sprache, dtv, Nördlingen 1989.
[REN] Colin Renfrew:
Archeology and Language: The Puzzle of Indo-European Origins, Pimlico, London 1998.
[SAN] Willy Sanders:
Sachensprache, Hansesprache, Plattdeutsch, Vandenhoeck, Göttingen 1982.
[TOL] J. R. R. Tolkien:
Sir Gawain and the Green Knight, Clarendon, Oxford 1984.
[WED] Hilkert Weddige:
Einführung in die Germanistische Mediävistik, Sprachgeschichtlicher Teil: Mittelhochdeutsch.
[ZEH] Ludwig Zehetner:
Das bairische Dialektbuch, Beck, München 1985.
[NIB] unbekannt:
Das Nibelungenlied, Fischer, Frankfurt am Main 1990.

Andreas Schosser, 4.4.2002